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Der gute Ton

Der gute Ton
January 9, 2009 1693 Views

Seit vielen Jahrhunderten spielen Menschen Gitarre. Und ärgerten sich, dass sie die Saiten immer wieder neu stimmen mussten.
Bis Christopher Adams einen genialen Einfall hatte. Er entwickelte ein selbststimmendes Instrument.
– Ein Musikinstrument zu stimmen kann schwieriger sein, als es zu spielen. Eine Gitarre etwa braucht ständige Stimmung: wenn ihre Saiten hart angeschlagen werden; wenn sie wechselnden Temperaturen ausgesetzt ist oder wenn sie transportiert wird, und sei es nur aus der Künstlergarderobe ins heiße Rampenlicht.

Den Profis ist die richtige Stimmung lästig, den meisten Anfängern eine unüberwindliche Hürde. Nach einer US-Studie hören 80 Prozent der Gitarrenschüler mit dem Üben auf, weil sie Probleme beim Stimmen haben. Man nimmt eine Stimmgabel, schlägt sie an, zupft dazu die A-Saite und dreht so lange an den Stimmwirbeln, bis beide Töne im Gleichklang sind.

Wenn man für die Unterschiede überhaupt ein Ohr hat. Ein Anfänger hört erst mal gar nichts. So geht das bei allen Saiten: E, A, D, G, H, E. Am Ende hat man gut zehn Minuten voller Disharmonien durchlitten, manchmal auch viel mehr. Noch bevor das erste Stück gespielt ist, liegen die Nerven blank.
Das muss nicht sein, dachte sich Christopher Adams und erfand eine Gitarre, die sich selbst stimmt: die Robot Guitar. Adams, 38, schlaksig und 1,98 Meter groß, lebt in einem Hinterhofhaus in Hamburg-Winterhude. Dort ist auch seine Firma untergebracht: rund 20 Leute, die an neuer Software und Technik arbeiten. In der Etage darüber wohnt er mit seiner Familie.

Dort sitzt er auf dem Sofa im Wohnzimmer und verdreht die Wirbel einer stahlblauen E-Gitarre. Sie klingt fürchterlich. Er zieht einen der Tonregler, und der beginnt zu blinken. Dann schlägt er die Saiten an. Und wie von Geisterhand bewegt, drehen sich die Wirbel am Gitarrenkopf und spannen die Saiten. Nur ein leises Surren ist zu hören. Binnen Sekunden ist die Gitarre fertig gestimmt, kinderleicht und irgendwie unheimlich.
Dabei ist das Prinzip ganz einfach: Im Sattel der Gitarre, wo die Saiten eingedreht werden, misst die sogenannte Tune Control Bridge die Tonhöhe der Saite, errechnet die Differenz zum Optimum und schickt diese Information über die Saiten zum Gitarrenkopf, wo Micro-Controller sitzen: kleine, aber starke Motoren, die die Stimm-Wirbel drehen. Das System kann auch neue Saiten einspannen und bei der Intonation helfen – was sonst besser dem versierten Fachhändler überlassen wird.
Besonders spannend sind unterschiedliche Tunings. Denn die besten Gitarristen spielen oft abseits der normalen Stimmung. Jimi Hendrix hat seine Gitarre grundsätzlich einen halben Ton tiefer gestimmt, für einen satten, bösen Sound. Auch Jimmy Page, Keith Richards oder Bob Dylan verdrehen bewusst ihre Saiten.
Wer einen anderen Sound braucht, muss umstimmen. Weil das aber zu viel Zeit kostet, treten Gitarristen im Konzert meist mit mehreren Instrumenten auf, individuell gestimmt. Doch Adams’ stahlblaue Gitarre könnte sie alle ersetzen. Ein Knopfdruck, und eines der gespeicherten Tunings wird eingestellt. Gitarrenwechsel? Unnötig.
Adams hatte schon als 13-Jähriger Gitarrenunterricht, übte bis zu fünf Stunden täglich, spielte in Schüler-Bands und schließlich bei der Band Grapefruit Moon, mit der er mehr als 400 Konzerte in Deutschland und Amerika gab.
Dann reichte es ihm. “Musik war mir nicht mehr genug. Ich habe mich auch für andere Dinge interessiert: Technik, Physik, Elektronik, wie alles zusammenhängt und funktioniert.” Das zahlte sich aus. “Oft sind Produktentwickler zu weit entfernt von ihren Konsumenten”, sagt er. “Ich weiß genau, was ein Konsument will, weil ich selber einer bin.”

Genervt vom Stimmen, begann er vor rund elf Jahren mit der Recherche nach einer selbststimmenden Gitarre. Er suchte Antriebslösungen, berechnete den Stromverbrauch, maß die Zugkraft der Saiten. Er fand einen Investor, nahm einen Kredit auf, baute einen Prototyp, sicherte seine Erfindung mit Patenten und gründete mit seinem Bruder, einem Anwalt, eine Firma: Tronical.

Der Prototyp wurde auf Messen vorgeführt, mit positivem Echo. Auch Henry Juszkiewicz, Chef der legendären Gitarrenmarke Gibson, war von der Idee begeistert und ließ sie prüfen. Im Januar 2007 stellte Adams ihm die Gitarre in Las Vegas vor, und der Gibson-Mann beschloss: “Die will ich haben.” Im Dezember 2007 kam die Robot-Gitarre auf den Markt. Auflage: 4000 Stück. Sie war nach zwei Tagen vergriffen. Was sich herumsprach, weil Größen der Rockmusik unter den Käufern waren, von den Smashing Pumpkins, aus der Band Frank Zappas, von Metallica oder den Foo Fighters.
Fachleute sprechen von der erfolgreichsten Markteinführung aller Zeiten. Die Jahresproduktion für 2008 war schon im Sommer ausverkauft; kein Wunder bei allein mehr als 500 Fernsehberichten vor allem in den USA. Adams’ System soll es bald zum Nachrüsten für jede Gitarre geben und im Prinzip auf jedes andere Saiteninstrument übertragbar sein. Der Hamburger kündigt einstweilen neue “revolutionäre” Ideen und Produkte an. Mehr verraten will er noch nicht. –